Aktuell
Die konstituierende Sitzung findet am Mo, 9.2.2026, 12:00-13:00 Uhr, online via Zoom statt. Bei Interesse und für den Zoom-Link bitte um eine Nachricht an: milena.bister@hu-berlin.de
Die kommissarischen Sprecher*innen werden bei der konstituierenden Sitzung ernannt.
Weitere Informationen zur Mitgliedschaft folgen in Kürze.
Informationen zum ersten Workshop der Kommission im Herbst 2026 werden hier im März 2026 veröffentlicht.
Statement zur Kommissionsgründung
Ethnographische Forschungen haben in den vergangenen Jahrzehnten verstärkt herausgearbeitet, dass menschliches Leben untrennbar mit anderen Lebensformen, Stofflichkeiten und Umwelten verflochten ist. Diese Einsicht bildet die Grundlage eines interdisziplinären Feldes, das unter Begriffen wie Multispecies Studies, Environmental Humanities oder Posthumanities eine grundlegende Neuverhandlung des Sozialen einfordert: nicht mehr ausschließlich als menschliches Beziehungsgeflecht, sondern als situierte Ko-Existenz in relationalen, oft prekären Ökologien. Donna Haraway ruft dazu auf, „Verwandtschaft zu machen“ (make kin) – über Speziesgrenzen hinweg. Anna Tsing beschreibt das Leben in beschädigten Lebensräumen als Ausgangspunkt für ethnografische Aufmerksamkeit.
Auch im Alltag zeigt sich längst, wie eng menschliches Dasein mit mehr als menschlichen Ökologien verwoben ist. Es sind Naturenkulturen, in denen Menschen mit Tieren, Pflanzen, Mikroorganismen, digitalen Infrastrukturen oder toxischen Atmosphären leben – in Pflegeverhältnissen, urbaner Landwirtschaft, Ernährungssystemen oder Gesundheitspraktiken. Extremwetterereignisse, wie wir sie zunehmend auch in unseren Regionen erleben, sind ein Beispiel für diese Verflechtungen, etwa die Flutkatastrophen in Deutschland und Österreich, die zahlreichen Programme zur Klimawandelanpassung in Städten wie in ländlichen Regionen, die aktuellen öffentlichen Diskussionen um den extrem heißen Juni 2025 und den darauffolgenden verregneten Juli. Solche Wetterphänomene prägen Alltagswahrnehmungen, Zukunftsvorstellungen, affektive Infrastrukturen und politische Haltungen.
Klima, Wetter und planetare Ökologien sind damit längst nicht mehr exklusives Terrain der Naturwissenschaften, noch können sie nur aus einer von anderen Spezies abgegrenzten anthropogenen Perspektive heraus betrachtet werden. Denn die Lebenswelten, in denen wir uns bewegen, sind immer mehr als menschlich geprägt und hervorgebracht. Deshalb gewinnen ethnographische Perspektiven zunehmend an Bedeutung – etwa in der Umweltsoziologie, Umweltgeschichte, Umweltethnologie, Humangeographie oder den Science and Technology Studies sowie in inter- und transdisziplinären Forschungskooperationen. Diese Forschungsarbeiten zeigen: Es braucht dichte Beschreibungen und kulturelle Kontextualisierungen, in denen Zahlen, Modelle und Narrative zu gelebten Erfahrungen, lokalem Wissen und handlungsrelevanten Perspektiven vermittelt werden und umgekehrt. Ethnographische Expertise ist zunehmend gefragt, da sie in der Lage ist, abstrakte Narrative der Klimakrise, des Artensterbens oder der planetaren Gesundheit in alltagsweltliche Kontexte zu übersetzen, erfahrbar zu machen und in eine gegenstandsbezogene Theorieentwicklungen einzubinden. Dies gilt nicht ausschließlich für Umwelt- oder Klimathemen im engeren Sinn. Auch Fragen des Zusammenlebens mit Tieren und Pflanzen, digitalen Agent*innen, Mikroorganismen oder toxischen Stoffen zeigen, dass wir neue Konzepte, Methoden und Allianzen brauchen, um das „Soziale“ adäquat zu fassen.
In der Empirischen Kulturwissenschaft, der Sozial- und Kulturanthropologie und Europäischen Ethnologie zeigt sich diese Entwicklung in einer Vielzahl empirischer Arbeitsfelder – etwa in Untersuchungen zu Lebensformen im urbanen Grün, zu Sorgepraktiken in von Dürre oder Hitze betroffenen Regionen, zur Rolle tierlicher Mitbewohner*innen in Zeiten sich wandelnder Umweltbedingungen oder zu sozialen Aushandlungen um Energie, Wasser oder Boden. Diese Forschungen reichen von forstlichen Grenzräumen über städtische Transformationszonen bis hin zur Produktion technowissenschaftlichen Wissens und zeigen, wie lebendig in unserem Fachzusammenhang die Auseinandersetzung mit mehr als menschlichen Lebenswelten bereits ist.
Die Kommission “Mensch-Umwelt-Beziehungen” verfolgt das Ziel, diese Perspektiven zu bündeln und systematisch weiterzuentwickelt, etwa durch:
- bestehende Arbeiten innerhalb der Empirischen Kulturwissenschaft sichtbar zu machen,
- theoretische und methodische Diskussionen zu vertiefen,
- inter- und transdisziplinäre Anschlussstellen zu erschließen,
- und institutionelle Strukturen aufzubauen, um den Forschungsbereich langfristig zu stärken.
Dazu braucht es nicht nur stärkere Sichtbarkeit innerhalb der DGEKW – sondern auch strategische Vernetzungen mit anderen Fachgesellschaften, thematischen Zusammenschlüssen (z. B. Umweltethnologie, Umweltsoziologie, STS) sowie internationalen Kolleg*innen, die vergleichbare Diskussionen führen. Die Kommission soll ein Raum sein für kritischen Austausch, kollektive Reflexion und gemeinsame Initiativen – mit dem Ziel, ethnographische Studien als zentralen Forschungsansatz in den Debatten um mehr-als-menschliche Lebenswelten weiter zu stärken
Initiator*innen der Kommissionsgründung
Prof. Dr. Milena Bister (Institut für Europäische Ethnologie, Humboldt-Universität zu Berlin)
Dr. Kathrin Eitel (Institut für Sozialanthropologie und Populäre Kulturen, Universität Zürich)
Dr. Elisabeth Luggauer (Institut für Europäische Ethnologie, Humboldt-Universität zu Berlin)
